Projekt an der Anne-Frank-Schule
Go im Unterricht macht Spaß und schult Schlüsselfähigkeiten
Spielend fürs Leben lernen
Helmut Heidrich
Ratingen. Unterricht in Lebenstüchtigkeit bekommt die Klasse 4 an der Anne-Frank-Schule seit Beginn dieses Halbjahres. Nun ja, streng genommen heißt das Fach, das die Kinder einmal in der Woche haben, nicht so. Vielmehr lernen sie das japanische Brettspiel Go, aber das läuft auf das Gleiche hinaus, wenn man Helmut Heidrich folgt. Der Diplom-Mathematiker und Unternehmensberater im Ruhestand bringt den Kindern das Spiel mit den über 4000 Jahre alten Wurzeln bei, und er sagt: „Go ist eine Schule für das Leben.“ Außerdem mache es auch einfach großen Spaß.

Das finden die Kinder auch. „Ich freue mich immer auf die nächste Stunde mit Herrn Heidrich“, sagt die kleine Larisa. Thomas berichtet, wie er seine Mutter angesteckt hat. „Sie hat sich dann ein Buch über Go bestellt, damit wir zu Hause spielen können.“ Leider gewinne sie jetzt meistens. Am liebsten ist den Kindern die zweite Hälfte der Unterrichtsstunde, wenn sie in Teams gegeneinander spielen können.

Davor steht aber der Unterricht, und der beinhaltet weit mehr als das Erlernen der Regeln. Die sind nämlich denkbar einfach. Der „kleine Go-Kurs“ des Deutschen Go-Bundes umfasst gerade einmal fünf kurze Lektionen. Wer die dort beschriebenen Regeln gelernt hat, kann spielen. Dass er eine Weile nur verliert, wenn er gegen erfahrenere Spieler antritt, ist die andere Seite.

Zu Beginn des Spiels steht ein leeres quadratisches Brett mit je 19 Längs- und Querlinien (Anfänger spielen mit kleineren Brettern, um nicht den Überblick zu verlieren). Ein Spieler hat weiße Steine, der andere schwarze. Abwechselnd werden die Steine auf die Schnittpunkte der Linien gesetzt. Das Ziel besteht darin, mit den eigenen Steinen „Gebiet abzugrenzen“ und Gegner, die sich in einem eingegrenzten Gebiet befinden, gefangen zu nehmen. Die Möglichkeiten, Steine zu setzen, sind dabei so unendlich groß, dass „nicht einmal Go-Profis jemals die gleiche Go-Partie zweimal gespielt haben“, sagt Helmut Heidrich. Für Freunde hoher Zahlen: Zehn hoch 760 Möglichkeiten gibt es beim Go, das übersteige sogar die von Einstein errechnete Zahl aller Atome im Universum, schreibt der Go-Bund auf seiner Homepage. Davor muss jeder Computer kapitulieren. Gegen die Erfahrung eines Go-Meisters hat keine Maschine eine Chance, sagt Heidrich. Die besten Schachcomputer dagegen besiegen den Weltmeister.

Dass Go also einerseits so einfach ist, dass man es nach fünf Minuten Erklärung spielen kann, andererseits aber so komplex, dass man niemals auslernt, das hat den ehemaligen Schachmeister Helmut Heidrich fasziniert und zum Wechsel animiert. Aus dem gleichen Grund fand Viola Hark-Wendland, dass Go eine interessante Ergänzung zum Regelunterricht ist. Was sie außerdem überzeugt hat: „Alle fangen bei Null an, weil im Gegensatz zu Schach kein Kind Vorkenntnisse hat, es gibt auch keine geschlechtsspezifischen Vor- und Nachteile.“ Schließlich sollte die Klasse, kurz bevor sie auseinander geht, noch etwas Besonderes erlernen, was sie verbindet.

Nach mehreren Wochen Go-Unterricht kann Viola Hark-Wendland zudem feststellen: „Das Spiel fördert auch das Sozialverhalten. Die Kinder spielen in Mannschaften, sie müssen sich auf jeden Zug einigen und ihn gemeinsam vertreten.“ Auch hier also die Schule für das Leben. Mindestens so wichtig ist für Helmut Heidrich allerdings der schöpferische Aspekt: „Ausgehend von einem leeren Brett entsteht immer wieder etwas Neues. Go spielen bedeutet, aus dem Chaos der Steine eine Ordnung zu schaffen.“

Bei so viel Analogie zum Leben versteht es sich fast von selbst, dass Go in Asien auch eine hohe philosophische Bedeutung hat. Das liegt natürlich auch in der langen Tradition begründet. Go hat seine Ursprünge unter dem Namen Wei-qi vor 4 000 Jahren in China. Vor etwa 1 300 Jahren gelangte das Spiel nach Japan. Dort wurde Wei-qi zu Go und erlebte im 16. Jahrhundert einen starken Boom. Vor etwa 30 Jahren schwappte die Go-Begeisterung nach Korea, und zwar gleich so überwältigend, dass sich das Land bis heute zur Go-Spitzennation entwickelt hat. „Großmeister Cho hat in Korea einen Status wie Beckenbauer“, sagt Helmut Heidrich.

Von diesem Stellenwert ist das Spiel in Europa noch weit entfernt, aber es gibt auch hier die ersten Profis. Heidrich selbst ist für deutsche Verhältnisse ein erstklassiger Spieler, er war 1980 Vierter der deutschen Meisterschaft und hat es auf einen Dan gebracht, den ersten Meistergrad (vergleichbar dem schwarzen Gürtel im Judo). Nachdem er als Unternehmensberater in den Ruhestand gegangen war, packte den 62-Jährigen der Wunsch, durch Go „etwas Positives zur Entwicklung von Kindern beizutragen“.

Von seinem Wohnort in Düsseldorf-Oberrath orientierte er sich dabei ganz nach Ratingen, er wandte sich an Schulen und Weiterbildungseinrichtungen, und wurde schließlich mit der Anne-Frank-Schule einig. Dort bringt er den Kindern der 4. Klasse jetzt einmal in der Woche Strategie und Philosophie des Go-Spiels bei. Dabei ist die Theorie nicht grau, sie klingt vielmehr poetisch. „Gehe niemals auf die Jagd, wenn dein Haus brennt“, lautet eine der strategischen Regeln, die der Viertklässler Max wie aus der Pistole geschossen hersagen kann. Dies wird er beherzigen, wenn er in der zweiten Unterrichtshälfte mit einem Team gegen Klassenkollegen spielt.

Helmut Heidrich hofft jetzt, dass sich im Rahmen der offenen Ganztagsschule mehr Schulen als bisher dem Go-Spiel öffnen. Viola Hark-Wendland hält es jedenfalls für Ogata-tauglich, und die Schulen sind ja darauf angewiesen, Kooperationspartner zu finden. Am sinnvollsten hält Heidrich freilich die Integration in den normalen Unterricht (ab Klasse 3), wo Go wegen des fachübergreifenden Ansatzes in Sachkunde oder im Förderunterricht gut aufgehoben wäre. Wer sich für ein Go-Projekt an der Schule interessiert, kann sich direkt an Helmut Heidrich, Telefon 02 11/65 63 25, wenden. es


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