Jüngste Panne: Bahnhofsumbau in Hösel abgeblasen, trotzdem Sperrung
Auch bei der Unterführung Lintorf, dem Bahnübergang Kalkbahn und dem Lärmschutz am Felderhof stockt es seit Jahren
„Wo die Bahn mitmischt, läuft nichts glatt“
Ratingen. Ab Montag macht die S6 mal wieder Sommerpause. Wegen Bauarbeiten fahren vier Wochen lang Ersatzbusse auf der Strecke von Ratingen-Ost bis Essen-Hauptbahnhof. Trotz aller Unannehmlichkeiten für die Pendler hätte dies eigentlich eine gute Nachricht sein sollen. Denn fest eingeplant war für diesen Zeitraum die Modernisierung des S-Bahnhofes Hösel. Doch kurz vor dem Start verblüffte die Bahn mit der Nachricht, dass ebendiese Baumaßnahme ausfällt. Gesperrt wird trotzdem. Der Ärger ist groß in Ratingen, zumal es kein Einzelfall ist. Kalkbahn-Übergang, Lärmschutz Felderhof, Unterführung Lintorf – unter Ratinger Politikern kursiert das geflügelte Wort: Wo die Deutsche Bahn AG mitmischt, läuft nichts glatt. Eine Bestandsaufnahme:

Keine Firma will
in Hösel arbeiten

Die Pressemitteilung der Bahn vom 18. Juni betonte das Positive, die Überschrift klang nach Aufbruch: „Startschuss am 13. Juli: Deutsche Bahn modernisiert für mehr als 5 Millionen Euro die Strecke zwischen Essen und Ratingen“, hieß es da. Und es ist ja in der Tat schön, dass vom 13. Juli bis 13. August elf Weichen und 3,2 Kilometer Gleise erneuert, die Ruhrbrücke in Kettwig und der Bahnübergang Hölenderweg instandgesetzt werden, ja sogar an Gleis 12 im Essener Hauptbahnhof der Gleistrog saniert wird. Den Wermutstropfen schenken die Presseleute der Bahn ganz zum Schluss ein: Leider fällt die ebenfalls geplante Modernisierung des Bahnhofs Hösel aus, bei der Ausschreibung habe sich kein Bieter gemeldet. Das ist ganz besonders misslich, als der Bahnhofsumbau der eigentliche Anlass für die Streckensperrung gewesen war. Genau deswegen hat man den ganzen Aufwand betrieben, die anderen Maßnahmen hat man mit eingeplant, um die günstige Gelegenheit zu nutzen.

Und dann: Zwei Sätze, ein geschriebenes Schulterzucken. Dr. Wilhelm Droste, langjähriger Landtagsabgeordneter und CDU-Vorsitzender im Kreis Mettmann, hat sich eigentlich aus der aktiven Politik zurückgezogen. Doch bei dieser Nachricht schwoll ihm der Hals. Auch als Mann ohne Mandat verfügt Droste noch über beste Kontakte zur Landesregierung. Er schrieb einen wütenden Brief an Verkehrsminister Hendrik Wüst. Es falle schon schwer zu glauben, dass sich kein Bieter für den Bahnhof Hösel gefunden habe, so Droste. „Die Bahn als bundesweiter Auftraggeber für Neubau-, Renovierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen wird doch wohl ein Unternehmen finden, das bisher für sie gearbeitet hat und auch in Zukunft für sie arbeiten möchte…“

Er schildert dem Minister „den erbärmlichen Zustand des Bahnhofs Hösel“, der zudem in keiner Beziehung barrierefrei ist. Droste weiß natürlich auch, dass Hendrik Wüst nicht direkt zuständig ist, aber er bittet um eine Intervention mit der Autorität seines Ministeramtes. Denn sonst, so seine Befürchtung, sei zu befürchten, dass der Bahnhof Hösel „auf die ganz lange Bank geschoben wird“. Für Streckensperrungen braucht es lange Vorzeiten, da müsse ständig Druck gemacht werden, sonst ist der Zug bald auch fürs nächste Jahr abgefahren. Droste macht keinen Hehl daraus, dass er sich von seinen Nachfolgern in der aktiven Politik da auch etwas mehr Engagement wünschen würde, gleich welcher Partei sie angehören.

Unterführung Lintorf
in weiter Ferne

Nun ist permanenter Druck auf die Bahn zweifellos erforderlich, wie die Geschichte zeigt, aber auch kein Erfolgsgarant. Droste selbst hat sich bei einem noch wichtigeren und größeren Projekt als dem Bahnhof Hösel über die Jahre ein dickes blaues Auge geholt. In seiner aktiven Zeit, vor ca. zehn, fünfzehn Jahren, holte er die Mächtigen im Land reihenweise an die Schranken im Lintorfer Ortszentrum, um zu verkünden, dass es mit der geplanten Unterführung unter den Westbahn-Gleisen jetzt aber mächtig vorangeht. 2007 zum Beispiel stellte Droste den Baubeginn gar für 2008 in Aussicht, was aber schon damals utopisch war. Ernsthaft plante die Deutsche Bahn in jenen Jahren den Baubeginn im Jahr 2015. Und auch das wäre ja aus heutiger Sicht geradezu sensationell gewesen, dann wäre der Tunnel nämlich schon fertig. Aber: Wir sprechen hier von der Deutschen Bahn…

Danach war es jahrelang ganz still um dieses Großprojekt, obwohl es planfestgestellt ist und der Umsetzung theoretisch kaum noch Hindernisse im Weg stehen. In jüngster Zeit erinnert sich aber wieder der eine oder andere Ratinger Politiker, dass da mal was war… Der Bundestagsabgeordnete Peter Beyer zum Beispiel holte das Thema aus der Schublade, als er sich Anfang Mai mit dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn AG für NRW, Werner Lübberink, traf. Danach verschickte Beyer eine Pressemitteilung, die er mit der wahrhaft optimistischen Überschrift „Optimismus an der Trasse“ versah.

Darin hieß es wörtlich: „Als Startschuss für den Bau der Unterführung in Lintorf nannte die Bahn unter Vorbehalt das Jahr 2020. Man habe die Sperrpause, die Sperrung der Zugstrecke, bereits angemeldet und warte nur noch auf die endgültige Genehmigung, so der Konzernbevollmächtige Lübberink.“ Die Wochenblatt-Redaktion wollte seinerzeit ein wenig genauer wissen, um was für eine „endgültige Genehmigung“ es sich dabei handele. Beyer hakte bei der Deutschen Bahn nach und erfuhr Erstaunliches: Also das mit dem möglichen Baubeginn 2020, das klappe doch nicht ganz, es werde wohl eher 2022. Immerhin sei im Oktober „die Planung“ (vielleicht) fertig, dann könne man sich (möglicherweise) um die Sperrpausengenehmigung kümmern. Wohlgemerkt: Das war drei Wochen, nachdem der Konzernbevollmächtigte (der doch eigentlich wissen sollte, wie der Stand der Dinge ist) Peter Beyer den Termin 2020 genannt hatte, wenn auch „unter Vorbehalt“.

Kalkbahn-Pläne
waren einfach weg

Ist das eigentlich Unvermögen bei der Bahn, Unwillen oder eine spezielle Art von Humor? Das fragen sich inzwischen viele in Ratingen, auch im Zusammenhang mit einer anderen unendlichen Geschichte. Seit sage und schreibe zehn Jahren gelingt es nicht, eine Schranke am Kalkbahngleis neben dem Sportpark Keramag zu installieren. Auch hier war schon vor dem Bau der Sportanlage im Prinzip alles geklärt. Inzwischen wird auf den ehemaligen Äckern seit sechseinhalb Jahren Fußball und Hockey gespielt, aber der beschrankte Übergang ist keinen Schritt weiter gekommen. Dabei ist dieser viel wichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Er würde endlich einen direkten Zugang für Fußgänger und Radler aus der Innenstadt zur Sportanlage schaffen. Bislang müssen die vielen Kinder und Jugendlichen, die dort Sport treiben, große Umwege über den Übergang Junkernbusch oder gar über die Brücke auf dem Blyth-Valley-Ring in Kauf nehmen. Oder besser gesagt: müssten! Diese Wege sind so unattraktiv, dass sie fast nicht genutzt werden.

Die Ratinger Politik hatte das Projekt ein wenig aus den Augen verloren. Doch vor ein paar Monaten kamen ein paar Nachfragen. Die Erläuterung der Stadtverwaltung war schon erstaunlich: Bei der Bahn habe es einen Personalwechsel an zuständiger Stelle gegeben, deshalb fange man jetzt quasi noch einmal an. Die Pressestelle der Deutschen Bahn, auf diese Darstellung angesprochen, gab den Schwarzen Peter umgehend an die Stadtverwaltung zurück. Man habe ja seinerzeit vereinbart, dass die Stadt den Übergang plane. Und sobald man die Unterlagen von der Stadt habe, könne man auch loslegen. Da sah die Verwaltung dann nicht gut aus, aber die Mitteilung der Bahn hatte einen Schönheitsfehler. Sie war streng genommen nicht gelogen, aber eine nicht ganz unwichtige Information hatte man ausgespart: Die Stadt hatte die Unterlagen schon vor Jahren übermittelt, sie sind aber nicht mehr auffindbar. Daher sei man jetzt dabei, sie ein zweites Mal zu schicken. So die Auskunft des Baudezernenten Jochen Kral.

Zwei Jahre Verzug
am Felderhof

Alle, die mit solchen Fällen zu tun haben, ballen die Faust in der Tasche, denn im Zweifel sitzt die Bahn am längeren Hebel. Ohne sie geht nun einmal nichts an den Gleisen. So ballt auch der Chef des Bauträgers Interboden, Dr. Reiner Götzen, die Faust in der Tasche und lässt sich nichts anmerken. Dabei hätte er doppelt Grund zum Ärgern. Interboden will über seine Tochter Indor ja auf dem Felderhofgelände mehr als 250 Wohneinheiten bauen, die Ratingen gut gebrauchen könnte. Die Bagger könnten längst buddeln, wenn der Rat der Stadt nicht eine Auflage gemacht hätte, die rechtlich ein wenig fragwürdig ist. Der B-Plan wird erst dann verabschiedet, wenn Indor auch auf der anderen Seite der Westbahn-Gleise eine Lärmschutzwand errichtet.

Das kostet natürlich zusätzlich, aber damit nicht genug: Die Bahn muss auch erst die Genehmigung erteilen, damit irgendjemand an ihren Gleisen etwas baut. Und das – wir wissen’s mittlerweile – kann dauern. Zwei Jahre ist man jetzt dran. Der letzte Stand der Dinge lautet: Man befinde sich in konstruktiven Gesprächen.



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