Ausschussitzungen
Politiker stimmen trotz Eltern-Protest für Hauptschulzweig an Realschulen
"Eine Chance für alle Schüler"
Ratingen. Wie viel Gewicht hat ein Paket mit 650 Unterschriften besorgter Eltern in der schulpolitischen Debatte? Im letzten Schulausschuss jedenfalls kein gravierendes. Trotz öffentlichkeitswirksam vorgetragener Proteste stimmten die Politiker mit großer Mehrheit für die Einrichtung von Hauptschulbildungsgängen an den Ratinger Realschülern. Offenbar aus fraktionsübergreifender Überzeugung. Nur die Vertreter der BU hielten dagegen. Im Hauptausschuss ein paar Tage später näherte sich aber auch die Bürger-Union der von der Mehrheit favorisierten Lösung an.

So oft kommt es nicht vor, dass SPD, FDP und Grüne sowie AFD und Optimisten an einem Strang ziehen. Bei der letzten Sitzung des Schulausschusses aber war genau das der Fall: Die Mitglieder der fünf Parteien stimmten für die Errichtung eines Hauptschulbildungsgangs gemäß Paragraf 132c Schulgesetz NRW an einer oder beiden städtischen Realschulen, ein Vorhaben, gegen das insbesondere die Schulgemeinde der Friedrich-Ebert-Realschule im Vorfeld lautstark protestiert hatte. Zukünftig (Schuldezernent Steuwe: „in der optimistischen Variante ab 1.9.2019“) sollen die Ratinger Realschulen demnach Schülern, die nach der Erprobungsstufe (Klassen 5 und 6) eine Empfehlung für die Hauptschule haben, Hauptschul-Unterricht anbieten.

Seit die Elsa-Brandström-Hauptschule wegen mangelnder Anmeldezahlen in der fünften Klasse vor Jahren geschlossen wurde, steht so genannten Schulformwechslern innerhalb der Stadt nur noch die Martin-Luther-King-Gesamtschule zur Verfügung – doch die ist wegen des gestiegenen Andrangs nicht nur längst überfordert, sondern droht auch aus dem Gleichgewicht zu geraten, denn gesetzlich vorgeschrieben ist, dass der Anteil an Hauptschülern an einer Gesamtschule nur ein Drittel betragen darf. Wohin also mit den Schulformwechslern?

Bei der Ausarbeitung des Schulentwicklungsplans für die kommenden Jahre musste die Verwaltung darauf eine Antwort geben: Sie gab sie in Form der oben erwähnten Maßnahme. Wohl wissend, dass er damit nicht auf ungeteilte Gegenliebe stoßen würde, hatte Dezernent Rolf Steuwe noch am Tag der Ausschusssitzung eine ausführliche Pressemitteilung verschicken lassen. Seine wichtigste Botschaft hatte er gleich in die Überschrift gepackt: „Ratingen braucht Hauptschulbildungsangebot ab Klasse 7“. Und abschließend betont er: „Ratinger Kinder sollen in Ratingen zur Schule gehen und dort einen guten Schulabschluss erreichen können.“

Den Sitzungspunkt „Schulentwicklungsplan“ eröffnete er dann damit, dass er das Unterschriften-Paket ausdrücklich begrüßte: „Allerdings nicht, weil wir einer Meinung sind, das sind wir definitiv nicht, sondern, weil es zeigt, dass sich die Eltern mit ihrer Schule identifizieren.“ Seine Ankündigung, er wolle „für die positiven Seiten werben“, quittierten einige der rund ein Dutzend Realschul-Mütter noch mit Unmutsäußerungen. Doch die verstummten bald, angesichts der großen Zustimmung, die Steuwe in der Folge von den Schulpolitikern für seine Argumentation erhielt.

Als größten Vorteil nannte er, dass „alle Schüler entsprechend ihren Begabungen qualifiziert betreut“ würden, ohne dass sie die Schule wechseln müssten. Margret Paprotta (CDU) bekräftigte das: Der Hauptschulzweig sei sowohl eine Chance für den Schultyp als auch für den Standort („wenn wir an die Anmeldezahlen denken“), aber vor allem eine Chance für die Schüler. Barbara Esser von den Grünen betonte: „Uns ist wichtig, dass beide Realschulen einen Hauptschulzweig bekommen, damit alle Schüler hier einen Abschluss machen können.“ Und der schulpolitische Sprecher der SPD, Joachim Galinke, gab der Verwaltung ebenfalls volle Rückendeckung: „Wir halten die Beschlussvorlage für ausgewogen und werden zustimmen“, sagte er.

Die Bürger-Union hatte noch zusätzlich zur Beschlussvorlage der Verwaltung beantragt, prüfen zu lassen, ob Ratingen als Standort für eine Hauptschule in der Trägerschaft des Kreises in Frage kommt, doch ihr Sprecher Rainer Vogt focht dafür ein am Ende aussichtsloses Gefecht. „Diese Schulform wird von Eltern nicht angenommen“, entgegnete ihm Barbara Esser. Und sie erinnerte daran, dass in Ratingen zuletzt nur neun Schüler an der Hauptschule angemeldet wurden, und das, „obwohl wir die Schule richtig aufgepeppt hatten.“

Dass Vogt, der selbst ausbildender Konditormeister ist, argumentierte, die Situation am Ausbildungsmarkt habe sich seither „umgekehrt“, und, dass Hannelore Becker vom Integrationsrat betonte, eine Hauptschule sei für viele Flüchtlinge die beste Lösung, half nichts. „Wir sind ein Ratinger Gremien und müssen hier über die Ratinger Schulen abstimmen“, erklärte Margret Paprotta, die der Bürger-Union sogar vorwarf, sich vor der Verantwortung drücken, und diese auf den Kreis abschieben zu wollen.

Auch fünf Tage später im Hauptausschuss focht die Bürger-Union zunächst auf verlorenem Posten. Eine Kreislösung, das zeichnete sich immer deutlicher ab, ist weder realistisch noch sinnvoll. Vor diesem Hintergrund wollte sich auch die BU der einzig verbliebenen Lösung nicht völlig verschließen. Allerdings legt sie – ebenso übrigens wie die CDU – Wert auf eine so genannte „äußere Differenzierung“, also die Bildung einer eigenen Hauptschulklasse an der Realschule. Eine solche Festlegung ist nach derzeitiger Rechtslage aber noch nicht möglich. Deshalb will die Verwaltungsspitze bis zur Ratssitzung am Dienstag noch an einer Beschlussformulierung feilen, die für alle tragfähig ist. tz/es



Zurück