Falsche Unterlagen
Erfolgreichem Projekt droht das Aus, weil Arbeitsagentur überlastet ist
Geht die Boje unter?
Ratingen. „Wird die Boje untergehen?“ Eine bange Frage treibt die Mitarbeiter eines Projektes um, das in den letzten drei Jahren über 100 junge Menschen, die auf dem Sprung in die Chancenlosigkeit waren, doch noch in eine Ausbildung oder an eine weiterführende Schule vermittelt hat. BOJE arbeitet erfolgreich, ist aber in seiner Existenz akut gefährdet, weil es die Agentur für Arbeit nicht schafft, den Vorgang der Weiterfinanzierung zu bearbeiten.

BOJE steht für „berufliche Orientierung junger Erwachsener“. Träger der Maßnahme sind die GBW (Gesellschaft für Beratung und Weiterbildung im Handel Velbert), die Volkshochschule Ratingen und eben die Agentur für Arbeit. Die Boje fängt junge Menschen auf, die durch das Raster der üblichen Schul- bzw. Ausbildungslaufbahn gerutscht sind. Heide Pannes, die das Projekt von Seiten der VHS betreut, beschreibt die Situation vieler Boje-Teilnehmer so: „Sie sind zu abgelenkt von ihrem Leben, um es allein zu schaffen.“ Was manche in ihrem kurzen Leben schon hätten durchstehen müssen, reiche für drei volle Biografien. In der Boje werden sie von der Schattenseite wieder auf einen geraden Kurs gelotst.

Boje wird als Projekt finanziert, funktioniert aber als Schule. Die Teilnehmer, bis zu 55 gleichzeitig, können hier innerhalb eines Jahres ihren Hauptschulabschluss nach Klasse 9 oder 10 machen oder einen schlechten verbessern, wenn sie dies innerhalb ihrer Schulpflichtszeit versäumt haben. Das bieten auch andere Institute wie das Franz-Rath-Weiterbildungskolleg oder das Berufskolleg an, das Besondere an der Boje ist aber die intensive sozialpädagogische Betreuung der Schüler.

Vieles von dem, was nach den Pisa-Studien als erstrebenswerte, aber kaum erreichbare Verbesserungen in der deutschen Unterrichtspraxis diskutiert wurde – die Boje bietet es: ein gutes Lernklima in kleinen Klassen mit intensiver individueller Förderung, ein gezieltes Einzel- oder Gruppencoaching zur Bewältigung von Lebenskrisen und zur Vorbereitung auf den Beruf, vielfältige Einblicke in die Berufswelt durch Praktika, Hilfe bei der Ausbildungsplatzsuche.

Der Erfolg gibt Boje-Leiterin Margit Seiwert und ihrem Team Recht. Die Vermittlungsquote am Ende des Schuljahres liegt hoch, zuletzt gar bei 100 Prozent derjenigen, die bis zum Schluss dabei waren. Das waren im letzten Jahr 45. Doch auch, wenn einer abbricht, ist das nicht unbedingt als Misserfolg zu werten. Manche steigen aus, weil sie schon während des Schuljahres eine Lehrstelle bekommen. Viele Schüler seien froh und dankbar, dass sie durch die Boje Halt und eine Perspektive bekommen haben. „Viele Ehemalige besuchen uns und erzählen stolz von ihrem weiteren Werdegang“, sagt Heide Pannes.

Die Erfolge der Boje werden von allen Seiten gewürdigt, auch von der Agentur für Arbeit. Wo liegt also das Problem? Das weiß Boje-Leiterin Margit Seiwert auch nicht genau. Drei Monate vor dem geplanten Beginn des nächsten Lehrgangs ist völlig unklar, ob es weitergeht. Fakt ist, dass das Projekt nach drei Jahren ausläuft und neu ausgeschrieben werden muss. Was zunächst wie eine reine Formsache aussah, entpuppt sich jedoch mehr und mehr als Bedrohung der Boje. „Wenn wir bei der Arbeitsagentur nachfragen, bekommen wir nur positive Rückmeldungen, die notwendigen Ausschreibungsunterlagen bekommen wir dagegen nicht“, sagt Margit Seiwert. Das heißt, einmal kamen doch Unterlagen an, leider waren es die falschen. Seitdem bittet die Arbeitsagentur bei jeder Nachfrage um Geduld. Ganz offensichtlich läuft der Betrieb in der Arbeitsagentur – wohl aufgrund der gewaltigen Hartz-IV-Umstellungen – alles andere als rund.

Wenn nicht schnell etwas passiert, wird die Boje somit ein Opfer von Hartz IV, eine Art Kollateralschaden, denn anscheinend will ja niemand den Untergang. Den Schaden hätten die möglichen künftigen Schüler, von denen es eine Menge gibt. „Die Nachfrage nach einem Platz in der Boje überstieg immer unsere Kapazität“, sagt Heide Pannes. Und auch für das nächste „Schuljahr“, das am 1. September 2005 beginnt, gebe es reichlich Anfragen, bestätigt Margit Seiwert, und zwar sowohl bei der Boje selbst als auch bei der Agentur für Arbeit. „Weil aber unklar ist, wie es mit der Boje weitergeht, werden Interessenten zurzeit in andere Maßnahmen vermittelt“, sagt Margit Seiwert.

So könnte das Projekt gewissermaßen ungewollt ausgehöhlt werden. Ohnehin ist die Rede davon, dass selbst bei einer Fortführung nicht mehr 55, sondern nur noch 28 Plätze zur Verfügung gestellt werden sollen. Auch davon halten Margit Seiwert und Heide Pannes nichts. „Das Personal muss trotzdem größtenteils vorgehalten werden, die Maßnahme würde dadurch – auf den einzelnen Platz bezogen – deutlich teurer werden.“ es





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